Hitoshi Takeda: «Wenn es keine Störungen gibt, läuft etwas falsch»

Hitoshi Takeda, Schüler von Toyota-Pionier Taiichi Ono, gilt als einer der wichtigsten Wegbereiter moderner Produktionssysteme. Sein Denken ist radikal: Störungen sind kein Makel, sondern die Grundlage für Fortschritt. Ein Interview.

Hitoshi Takeda: „Schwierige Probleme lassen Menschen wachsen“. (Bild: Urs Schläpfer für Noventa Consulting)

Herr Takeda, Sie haben direkt mit Taiichi Ono gearbeitet. Was hat Sie in dieser Zeit am meisten geprägt?

Hitoshi Takeda: Drei wichtige Lektionen: 1. Mach Veränderungen zur Routine! Sei auf Krisen vorbereitet, tritt ihnen täglich entgegen und nutze sie positiv als Chance. 2. Auch kleine Störungen sind wichtig. Nur wenn wir anhalten, hinschauen und verbessern, entwickeln wir die Fähigkeit, auch grössere Krisen zu meistern. 3. Frage dich immer, ob dein Unternehmen mit der heutigen Vorgehensweise auch in Zukunft überleben kann. Schwierige Probleme lassen Menschen wachsen. Einschränkungen machen grosse Kreativität erst möglich: Reduziere die Rüstzeit von drei Stunden auf drei Minuten. Nimm eine Null weg, auch wenn es unmöglich erscheint, mach es mit einem Zehntel des Budgets. Und denke so intensiv darüber nach, dass es dir im Traum erscheint.

Wie hat sich die Denkweise von Unternehmen in den letzten Jahrzehnten verändert?

Neue Technologien entstehen immer häufiger ausserhalb der eigenen Expertise. Niemand wird künftig allein bestehen können. Zudem ist Geschwindigkeit heute zentral. Rückrufe verbreiten sich in Sekunden weltweit. Wenn die Reaktion nicht sofort erfolgt, kann daraus ein grosses Problem werden. Entwicklungs-, Produktions- und Logistikstrategien müssen auf dieses Tempo ausgerichtet sein. Geschwindigkeit ist aber auch in der Produktion entscheidend: Keine neue Idee wird von Anfang an perfekt sein; und wir haben keine Zeit, so lange zu warten. Deshalb gilt: Fertigen, ausliefern, die Reaktion des Marktes beobachten, verbessern, erneut ausliefern. Gewinnen werden die Unternehmen, die diesen Zyklus am schnellsten wiederholen können.

In Ihrer Philosophie spielen Störungen eine zentrale Rolle. Warum?

Es gibt keinen Arbeitsplatz, an dem nichts schiefgeht. Probleme und Störungen sind normal, und sie sind Chancen für Verbesserungen. Wenn es keine Störungen gibt, bedeutet das nur, dass das Unternehmen sie noch nicht erkannt hat oder sie versteckt werden; beides führt unweigerlich zu Qualitätsverlust.

Gibt es gute und schlechte Störungen?

Ich unterscheide zwischen zulässiger und unzulässiger Verschwendung. Zulässige Verschwendung entsteht z.B., wenn man mehrere Entwicklungswege parallel verfolgt, weil noch nicht klar ist, wohin der Markt geht – manchmal braucht es Beidhändigkeit, um flexibel zu bleiben. Unzulässige Verschwendung dagegen entsteht durch flüchtige Fehler, endloses Diskutieren ohne Umsetzung oder durch Entscheidungen, die nur darauf beruhen, dass jemand am lautesten etwas sagt.

Welche Rolle spielt Geduld im Verbesserungsprozess?

Entscheidend ist, Technologien und Menschen selbst aufzubauen. Wer Schlüsseltechnologien einkauft, wächst zwar kurzfristig schneller, bleibt aber abhängig. Fremde Technik wird zur Blackbox: Man kann sie nicht weiterentwickeln, nicht reparieren, nicht wirklich nutzen. ‚Kaufen‘ heisst Zeit kaufen. Aber ohne Geduld im eigenen Lernen verliert ein Unternehmen seine wahre Stärke.

Sie sprechen oft von psychologischen Fallen. Was meinen Sie damit?

Rationale Entscheidungen werden von psychologischen Verzerrungen beeinflusst. Ich unterscheide zwischen: 1. mangelnder Haltung: Probleme gar nicht sehen wollen. 2. mangelnder Stärke: Probleme sind sichtbar, aber man überschätzt die eigenen Fähigkeiten und meidet die Auseinandersetzung. Und 3. mangelnder Rechtschaffenheit: Man opfert Ethik und Prinzipien, um zu überleben. Wer diese Verzerrungen versteht und rechtzeitig erkennt, eröffnet seinem Unternehmen grosse Chancen.

Welche Rolle wird Künstliche Intelligenz künftig spielen?

KI wird Prozesse automatisieren – von Kundengesprächen über Fertigungssteuerung bis hin zur Strategieentwicklung. Kunden werden Produkte nicht mehr suchen, sondern sich an den Empfehlungen der KI orientieren. Wir werden unsere Verkaufsstrategien so anpassen müssen, dass die KI unsere Produkte bevorzugt. Aber KI darf nicht dazu führen, dass wir aufhören, selbst zu denken. Deshalb empfehle ich: digitale Entgiftung, also täglich Zeit ohne Smartphone sowie die Etablierung analoger Methoden, die das eigene Denken fördern.

Sie reisen immer noch unermüdlich um die Welt. Was treibt Sie an?

Für mich geht es nicht nur um Produktivität und Umsatz. Es geht darum, Menschen zu befähigen: Probleme erkennen, Ursachen untersuchen, Verbesserungen umsetzen. Wenn ich höre: «Herr Takeda, wir brauchen Sie nicht mehr; wir können uns jetzt selbst verbessern», dann habe ich meine Aufgabe erfüllt.

Sie stehen am 5. Dezember in St. Gallen als Hauptredner des SAQ-Jubiläumsevents auf der Bühne. Was erwartet die Teilnehmenden?

Ein gutes System ist mehr als Technik. Es ist eine Reform des Bewusstseins. Es beginnt mit «bemerken» und «denken». Dann folgen: anhalten, untersuchen, verbessern, Massnahmen ergreifen, verankern. Diese Serie muss täglich wiederholt werden. Ich werde zeigen, warum es entscheidend ist, Störungen früh zu erkennen und wie wir Mitarbeitende so ausbilden, dass sie ihre Vorgesetzten übertreffen. Nicht alles auf einmal, sondern Stein auf Stein. Exzellenz ist keine Theorie, sondern gelebte Fehlerkultur. n

Autor

Nemanja Novkovic´ist Head of Marketing von Noventa Consulting im Rheintal. www.noventa-consulting.com

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