Carla Kaufmann über Unternehmensnachfolge: Balance zwischen Stabilität und Disruption

Unternehmen, die lange bestehen, haben sich immer wieder erfolgreich an Veränderungen angepasst. Dies ist ein andauernder Prozess, wie Carla Kaufmann, Vizepräsidentin des Schweizer Dachverbands für Unternehmensnachfolge CHDU, festhält. Im Interview mit Prisca Zammaretti von der SAQ Swiss Association for Quality spricht sie über Qualität in der Führungskultur.

Carla Kaufmann, Vizepräsidentin des Schweizer Dachverbands für Unternehmensnachfolge CHDU. (Bild: Thomas Berner)

Carla Kaufmann ist Juristin, Unternehmerin und Geschäftsführerin von GetDiversity und companymarket. Sie hat den Dachverband Unternehmensnachfolge mitgegründet (https://www.chdu.ch/ ) und engagiert sich für nachhaltige Unternehmensführung, Diversität und die Förderung empathischer Leadership-Kultur.

Frau Kaufmann, Sie begleiten seit vielen Jahren Unternehmensnachfolgen. Was ist heute die wichtigste Kompetenz für Führungspersonen?
Empathie. Sie ist keine «weiche» Eigenschaft, sondern zentral, um Stabilität in einer unsicheren Welt zu schaffen. Führung heisst heute: Ruhe ins System bringen, Orientierung geben und Menschen befähigen, sich einzubringen. Unternehmen, die lange bestehen, schaffen eine Balance zwischen Stabilität und Disruption – sie erneuern sich, ohne ihre Identität zu verlieren.

Sie sprechen von Stabilität durch Empathie. Wie wirkt sich das auf Qualität und Nachhaltigkeit aus?
Qualität und Nachhaltigkeit beginnen beim Menschen. Sie entsteht dort, wo Verantwortung, Achtsamkeit und Sinn zusammenkommen. Wir achten bei der Besetzung von Führungspositionen stark auf Social Skills. Nach einer fachlichen Vorauswahl geht es darum, wer das bestehende Team ergänzt und wer Werte teilt. So vermeiden wir das Risiko toxischer Führung, die Kultur und Leistung zerstört.

Sie haben erwähnt, dass Unternehmen lernen müssen, mit Unterschiedlichkeit umzugehen. Welche Rolle spielt Diversität?
Eine entscheidende. Diversität macht Organisationen anpassungsfähig. Unterschiedliche Perspektiven fördern Innovation und Lernfähigkeit. Die Schweiz ist hier ein gutes Beispiel – mit vier Sprachen, verschiedenen Kulturen und einem hohen Reflexionsniveau. Vielfalt ist kein Trend, sondern ein Erfolgsfaktor: Studien zeigen, dass divers zusammengesetzte Unternehmen bis zu 19 Prozent bessere Resultate erzielen.

Wie passt das zur Kreislaufwirtschaft, über die derzeit viel gesprochen wird?
Sehr gut. Kreislaufdenken ist eine Denkhaltung, kein Projekt. Es bedeutet, Ressourcen, Wissen und Beziehungen im Umlauf zu halten – also langfristig zu denken. Genau das haben viele Schweizer Familienunternehmen seit Generationen bewiesen. Sie investieren in Qualität, Vertrauen und Kooperation, nicht nur in Wachstum. Das ist nachhaltiges Wirtschaften.

Sie setzen sich für faire Rahmenbedingungen in der Unternehmensnachfolge ein. Warum?
Weil Nachfolge die stille Wachstumschance der Schweizer Wirtschaft ist. Der Bund investiert Hunderte Millionen in Startups, aber nichts in Nachfolgen. Dabei sichern sie Arbeitsplätze, Know-how und regionale Strukturen. Wir müssen die bestehende wirtschaftliche Kraft in die nächste Generation bringen – und nicht jedes Mal bei null anfangen. Wir haben im Jahr 2020 den Dachverband für Unternehmensnachfolgen gegründet (CHDU), damit wir auf das Problem und Möglichkeiten aufmerksam machen.

Was raten Sie Unternehmerinnen und Unternehmern und unseren Mitgliedern, die sich auf die Zukunft vorbereiten wollen?
Mut haben. Anfangen. Man kennt den Weg nicht immer, aber Stillstand ist keine Option. Qualität und Nachhaltigkeit brauchen Handlung, nicht nur Strategiepapiere. Wer Menschen mit Empathie führt, wer Strukturen mit Sinn schafft und Kreisläufe denkt, wird bestehen – ökonomisch, sozial und menschlich.

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