ESG-Richtlinien in der Vermögensverwaltung: Wo Schweizer Banken stehen

Eine aktuelle Studie der Hochschule Luzern zeigt: Schweizer Banken haben die ESG-Richtlinien der Schweizerischen Bankiervereinigung in der Vermögensverwaltung weitgehend umgesetzt. Gleichzeitig bleiben Ausbildung, ESG-Klassifizierung und Nachhaltigkeitsreporting herausfordernd – und die Komplexitätsgrenze ist erreicht.

Schweizer Banken setzen die ESG-Standards in der Vermögensverwaltung weitgehend um. (Symbolbild; Unsplash.com)

Seit dem 1. Januar 2024 gelten für alle Mitgliedsinstitute der Schweizerischen Bankiervereinigung (Swiss Banking) einheitliche Minimalstandards für den Einbezug von ESG-Präferenzen in der Anlageberatung und Vermögensverwaltung. Eine digitale Umfrage unter 89 Banken, durchgeführt im vierten Quartal 2025 und ausgewertet durch das Institut für Finanzdienstleistungen Zug (IFZ) der Hochschule Luzern, liefert nun erstmals ein umfassendes Bild des Umsetzungsstands – und zeigt, wo die Branche noch Nachholbedarf hat.

Minimalstandard weitgehend erreicht

Die Kernerkenntnis der Studie ist eindeutig: 85 Prozent der befragten Banken setzen die Selbstregulierung von Swiss Banking direkt um, davon 73 Prozent ausschliesslich nach dem Schweizer Standard. Die Selbstregulierung 1.0 (SR 1.0), die seit 2024 in Kraft ist, haben 86 Prozent der Banken nach eigener Einschätzung vollständig implementiert. Bei der seit Januar 2026 gültigen Selbstregulierung 2.0 (SR 2.0), die engere Definitionen für nachhaltige Anlagelösungen vorschreibt und Greenwashing stärker entgegenwirken soll, haben zum Umfragezeitpunkt im Herbst 2025 bereits 42 Prozent der Banken die Vorgaben vollständig umgesetzt, weitere 42 Prozent teilweise.

Die SR 2.0 führt eine wichtige begriffliche Unterscheidung ein: Anlagelösungen, die ESG-Kriterien ausschliesslich zur Optimierung der finanziellen Performance berücksichtigen, dürfen künftig nicht mehr als «nachhaltig» bezeichnet werden, sondern sind als «ESG-Anlagelösungen» zu kennzeichnen. Eine «nachhaltige Anlagelösung» muss darüber hinaus mindestens ein ökosoziales Ziel verfolgen – entweder als Verträglichkeit mit oder als Beitrag zur Umsetzung von Nachhaltigkeitszielen.

Grössenabhängige Unterschiede prägen das Bild

Ein zentrales Muster der Studie ist der ausgeprägte Grösseneffekt: Grosse Banken mit einer Bilanzsumme von über 17 Milliarden Franken sind deutlich weiter fortgeschritten als mittlere und kleine Institute. 52 Prozent der grossen Banken messen Nachhaltigkeit im Anlagegeschäft eine hohe strategische Priorität bei, bei mittleren und kleinen Banken sind es lediglich 29 respektive 32 Prozent. Entsprechend beurteilen 67 Prozent der grossen Banken ihren Umsetzungsstand als «eher weit» bis «sehr weit» – bei kleinen Banken liegt dieser Anteil bei 59 Prozent, bei mittleren bei 63 Prozent.

Die Selbstregulierung selbst wird bankübergreifend positiv bewertet: 81 Prozent der grossen Banken stufen sie als pragmatisch und chancenorientiert ein, bei kleinen Banken sind es immer noch 55 Prozent. Gleichzeitig zeigt sich ein klares Komplexitätsgefälle: Während die Mehrheit der kleinen und mittleren Banken die Selbstregulierung als komplex wahrnimmt, teilt die Mehrheit der grossen Banken diese Einschätzung deutlich seltener. Eine weitere Verschärfung der Anforderungen lehnt eine breite Mehrheit der Banken unabhängig von ihrer Grösse ab. Eine Anerkennung der Selbstregulierung durch die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht (FINMA) hingegen würden rund zwei Drittel der Banken begrüssen.

ESG-Präferenzen: schlank erhoben, unterschiedlich klassifiziert

Bei der Erhebung von ESG-Präferenzen am Point-of-Sale setzt die Mehrheit der Banken auf einfache Methoden: 58 Prozent stellen ihren Vermögensverwaltungskunden lediglich 1 bis 2 Einzelfragen, 80 Prozent offerieren 1 bis 2 ESG-Profile. Grosse Banken bieten häufiger mehrere Profile an, was auf differenziertere Ressourcen und Produktpaletten schliessen lässt.

Der Anteil der Kunden, die als solche mit ESG-Präferenz klassifiziert werden, variiert stark. Bei grossen Banken weisen 57 Prozent einen mittleren bis grossen Anteil ESG-klassifizierter Neukunden aus, bei mittleren und kleinen Banken sind es lediglich 22 respektive 15 Prozent. Einen erheblichen Einfluss auf dieses Ergebnis schreiben die Banken den Kundenberatenden selbst zu: 73 Prozent der befragten Institute beurteilen deren Einfluss auf die ESG-Klassifizierung der Kunden als hoch. Die Studie verweist darauf, dass Privatkunden oft unvorbereitet in Beratungsgespräche kommen und sich auf den Wissensvorsprung der Beratenden verlassen.

Ausbildung vorangeschritten, aber heterogen

86 Prozent der Banken haben die Ausbildung ihrer Kundenberatenden zur SR 1.0 abgeschlossen, 43 Prozent auch jene zur SR 2.0. Trotz breiter Ausbildungsaktivitäten – die mehrheitlich per E-Learning (88 Prozent) oder Präsenzschulung (67 Prozent) erfolgen – beurteilen 78 Prozent der Banken das Wissensniveau ihrer Beratenden als sehr heterogen. Zudem bezeichnen 79 Prozent der Institute die Ausbildung zu Nachhaltigkeit im Anlagebereich als eine hohe oder sehr hohe Herausforderung. Die Studienautoren halten fest, dass mit der SR 2.0 der Wissensanspruch weiter steigt und Widerstände bei einzelnen Beratenden nicht auszuschliessen sind.

Produktpaletten und Reporting als bleibende Baustellen

Beim Produktangebot zeigt sich ein überraschendes Bild: ESG-Anlagelösungen sind bei 68 Prozent der Banken verfügbar und damit weiter verbreitet als konventionelle Anlagelösungen (61 Prozent). Nachhaltige Anlagelösungen mit expliziter ökosozialer Zielsetzung bieten bisher lediglich 38 Prozent der Banken an. Bei der Differenzierung nach Kundensegment offerieren 51 Prozent der Banken Kunden mit und ohne ESG-Präferenz unterschiedliche Produkte; bei 47 Prozent der Institute erhalten beide Gruppen dieselbe Anlagelösung.

Als Referenzrahmen für Nachhaltigkeitsziele nutzen 71 Prozent der Banken externe ESG-Ratings, gefolgt von proprietären Scoring-Modellen (42 Prozent) und der EU-Taxonomie (32 Prozent). Im Reporting weisen 72 Prozent der Banken Nachhaltigkeitsindikatoren aus, wobei ESG-Ratings mit 92 Prozent die mit Abstand am häufigsten genannte Kennzahl darstellen. Das ESG-Reporting selbst stufen 87 Prozent der befragten Banken als hohe oder sehr hohe Herausforderung ein – technisch noch mehr als inhaltlich. Lizenzkosten für ESG-Daten, die Integration in bestehende Kernsysteme und fehlende Reporting-Standards werden als besonders problematisch genannt.

Fazit: Grundlage gelegt, Komplexität spürbar

Die Studie der Hochschule Luzern kommt zum Schluss, dass der einheitliche Minimalstandard der ESG-Selbstregulierung in der Schweizer Bankenlandschaft weitgehend verankert ist. Gleichzeitig zeigt sich, dass die Komplexitätsgrenze erreicht ist: Ausbildung, Produktpaletten und Reporting bleiben anspruchsvoll, insbesondere für kleinere und mittlere Institute. Die Selbstregulierung wird als Chance und pragmatisches Instrument wahrgenommen – weitere Verschärfungen werden jedoch mehrheitlich abgelehnt.

Quelle: Hochschule Luzern

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