Lieferketten: Zwei Drittel der Schweizer Firmen trennen sich von riskanten Partnern

Eine Befragung des führenden Compliance-Unternehmens Navex zeigt: Schweizer Unternehmen sind stark in internationale Lieferketten eingebunden und trennen sich relativ häufig von Geschäftspartnern, wenn Risiken auftreten. Gleichzeitig offenbart die Studie eine auffällige Unsicherheit beim praktischen Einsatz von künstlicher Intelligenz. Ein Teil der Unternehmen kann nicht einmal einschätzen, wie häufig KI trotz bestehender Bedenken eingesetzt wird.

Schweizer Unternehmen sind stark in internationale Lieferketten eingebunden. Aber sie haben auch ein starkes Risikobewusstsein und trennen sich schnell von riskanten Geschäftspartnern. (Symbolbild; Depositphotos.com)

Schweizer Unternehmen bewegen sich besonders stark in internationalen Geschäftsnetzwerken – und müssen entsprechend häufiger reagieren, wenn Risiken bei Partnern auftreten. Laut einer aktuellen Navex-Umfrage haben sich 67 Prozent der befragten Unternehmen in der Schweiz innerhalb der letzten zwölf Monate von mindestens einem Drittpartner getrennt. Im Durchschnitt wurden dabei rund 13,5 Geschäftsbeziehungen beendet. Auffällig ist dabei vor allem der internationale Charakter dieser Entscheidungen: 70 Prozent der Unternehmen berichten, dass ihre Offboarding-Entscheidungen auch Geschäftspartner im Ausland betreffen – der höchste Wert aller untersuchten Märkte. Zudem zeigt sich eine besonders hohe Intensität beim Beenden von Geschäftsbeziehungen. 22 Prozent der Unternehmen haben im vergangenen Jahr mehr als 20 Partnerbeziehungen beendet, acht Prozent sogar über 50. Oliver Riehl, Regional Vice President Sales bei Navex, ordnet diese Entwicklung ein: «Die Schweizer Wirtschaft ist stark international ausgerichtet. Unternehmen arbeiten mit Partnern in vielen unterschiedlichen Märkten und regulatorischen Umfeldern zusammen. Dadurch entstehen Risiken häufig an den Schnittstellen internationaler Lieferketten. Unternehmen sollten daher proaktive Programme einrichten, um die mit ihren Lieferkettenpartnern verbundenen Risiken zu bewerten und zu überwachen.»

Internationale Lieferketten erhöhen das Störungsrisiko

Die starke internationale Vernetzung zeigt sich auch bei Störungen durch Drittparteien. 65 Prozent der Schweizer Unternehmen berichten von Problemen mit Lieferanten oder Dienstleistern innerhalb der letzten zwölf Monate. Am häufigsten nennen sie operative Probleme (35 Prozent), gefolgt von regulatorischen Herausforderungen (31 Prozent) sowie Cyber- und Technologierisiken (29 Prozent). Gleichzeitig sind viele Unternehmen überzeugt, Risiken frühzeitig erkennen zu können. 85 Prozent der Befragten geben an, Probleme rechtzeitig identifizieren zu können, bevor diese eskalieren. Allerdings liegt der Anteil derjenigen, die sich «sehr sicher» fühlen, bei lediglich 21 Prozent – der niedrigste Wert unter allen untersuchten Ländern. Oliver Riehl sieht darin eine typische Herausforderung internationaler Geschäftsmodelle. «Internationale Lieferketten sind komplexe Systeme. Risiken entstehen oft dort, wo unterschiedliche regulatorische Anforderungen, Technologien oder Geschäftsprozesse aufeinandertreffen», erläutert der Navex-Experte, der sich schon länger mit der Schnittstelle von Compliance, Governance und technologischer Innovation beschäftigt. Die Folgen solcher Risiken zeigen sich auch wirtschaftlich. 34 Prozent der Schweizer Unternehmen berichten, im vergangenen Jahr Geschäftschancen verloren zu haben – etwa Partnerschaften, Investitionen oder Kunden – weil sie selbst Compliance- oder Risikoanforderungen nicht erfüllen konnten.

Compliance-Experte Oliver Riehl von Navex. (Bild: NAVEX)

Strategische Verantwortung wird nicht immer klar verankert

Auch bei der Frage nach der Governance zeigt die Studie ein differenziertes Bild. 67 Prozent der Unternehmen sehen ihre Vorstände grundsätzlich in der Verantwortung für Entscheidungen im Third-Party-Management. Allerdings schreiben nur 26 Prozent der Befragten der Unternehmensführung eine vollständige Verantwortung zu. Gleichzeitig wünschen sich vergleichsweise wenige Unternehmen eine stärkere Einbindung des Senior-Managements. Nur 54 Prozent der Befragten sind der Meinung, Vorstände sollten stärker für Risiken im Third-Party-Management verantwortlich sein – ebenfalls der niedrigste Wert im internationalen Vergleich. Oliver Riehl bewertet diese Zurückhaltung kritisch: «Viele Organisationen steuern Risiken sehr professionell auf operativer Ebene. Doch ohne klare strategische Verantwortung auf Vorstandsebene fehlt häufig die übergeordnete Perspektive auf die gesamte Risikolandschaft.»

Grosse Unsicherheit beim Einsatz von künstlicher Intelligenz

Neben dem Umgang mit Drittparteien untersucht die Navex-Studie, die im Dezember 2025 durchgeführt wurde, auch den Einsatz von künstlicher Intelligenz in Unternehmen. Hier zeigt sich in der Schweiz eine besonders ausgeprägte Unsicherheit. Nur 33 Prozent der befragten Unternehmen fühlen sich vollständig auf kommende regulatorische Anforderungen vorbereitet – der niedrigste Wert unter den befragten Ländern. Auch interne Leitlinien sind häufig noch nicht eindeutig. Zwar geben 80 Prozent der Unternehmen an, grundsätzlich über Richtlinien für den Einsatz von KI zu verfügen, doch nur 29 Prozent empfinden diese als sehr klar. Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse der Befragung, dass KI bislang noch nicht flächendeckend genutzt wird: 29 Prozent der Befragten setzen sie regelmässig oder durchgehend ein. Besonders auffällig ist jedoch ein anderer Wert der Studie: 15 Prozent der Unternehmen können nicht einschätzen, wie häufig sie KI trotz möglicher Risiken einsetzen. In anderen untersuchten Ländern liegt dieser Anteil nahezu bei null. Oliver Riehl warnt deshalb vor einem wachsenden Governance-Problem: «Wenn Unternehmen nicht genau wissen, wo und wie KI eingesetzt wird, entsteht ein blinder Fleck im Risikomanagement.» Der Navex-Experte betont, dass klare Leitlinien und Transparenz über Einsatzbereiche entscheidend seien. «Gerade international tätige Organisationen müssen Technologieeinsatz, Compliance und Governance eng miteinander verzahnen, um Innovation und Risiko kontrolliert steuern zu können», so Riehl abschliessend.

Quelle: www.navex.com/de-de

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